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Aus der Geschichte der Jaani-Kirche

Aus der Geschichte der Jaani-Kirche
Die Restaurierung
Die Stiftung Tartu Jaani Kirik
Pildid Jaani kirikust

Innerhalb des reichen estnischen Architekturerbes bilden die mittelalterlichen Baudenkmäler den wahrscheinlich wichtigsten Teil. Dabei kommt der Tartuer Jaani-Kirche vor allem wegen ihrer Skulpturen ein besonderer Platz zu. Die Kirche ist sowohl außen als auch innen mit zahllosen Details geschmückt, die alle aus Terrakotta bestehen, d.h. aus gebranntem Lehm. Anfangs existierten über eintausend solcher Figuren und obwohl im Laufe der Zeiten ein Großteil von ihnen zerstört worden ist, ist eine beträchtliche Anzahl dieser Skulpturen erhalten geblieben. Terrakotten sind der mittelalterlichen Baukunst nicht gänzlich unbekannt, doch ist aus der gesamten europäischen Gotik nicht ein einziges Bauwerk überliefert, das bei Terrakottaskulpturen hinsichtlich ihrer Anzahl, Größe und ihres künstlerischen Niveaus auch nur im Entferntesten mit der Jaani-Kirche konkurrieren könnte. Damit tritt die Jaani-Kirche in ihrer Bedeutung aus dem lokalen Rahmen heraus und zählt unbestreitbar zu den wichtigen Baudenkmälern der abendländischen Gotik. Übrigens erwähnt das bereits 1558 in Köln erschienene Buch Tillman Bredenbachs bei der Beschreibung der Reformationsereignisse in Tartu die mit überaus großer Kunstfertigkeit und beträchtlichen Kosten erbaute Kirche des Täufers Johannes, in der sich unter anderem auch Skulpturen des Erlösers und der zwölf Apostel befinden.

Obwohl die Kirche wiederholt zerstört und wieder aufgebaut wurde und von 1944 bis über das Jahr 2000 hinaus als Ruine gestanden hat, ist sie doch immer mit Leichtigkeit als mittelalterliches Bauwerk zu erkennen gewesen. Bei dieser Kirche handelt es sich um eine dreischiffige Basilika mit einem markanten Westturm. Dem Kirchenschiff schließt sich ein länglicher, polygonal auslaufender Chorraum an, auf dessen Nordseite sich die Sakristei befindet. Auf der Südseite des Langhauses lag die so genannte Lübecker Kapelle – eine Erinnerung an die Zeit, als die Hansestadt Tartu hauptsächlich mit Lübeck und Russland Handel trieb.

Die Kirche wurde nicht „wie aus einem Guss“ gebaut und erhielt ihr letztendliches mittelalterliches Erscheinungsbild nach etlichen Planungsänderungen, Umbauten und offensichtlich auch Katastrophen. Zur Klärung der Baugeschichte bieten die urkundlich verbrieften Angaben wenig Hilfe. Wir wissen, dass im Jahre 1323 ein Kirchenbau oder zumindest eine Kirchgemeinde bereits bestanden hat, aber es ist nicht klar, inwieweit es sich um die uns bekannte Kirche handelt. Wichtige Informationen zur Baugeschichte stammen aus archäologischen Forschungen. Obwohl auch diese viele Fragen unbeantwortet lassen, geben sie doch wenigstens eine gewisse Vorstellung vom baulichen Werdegang der Kirche. Dabei hat es sich erwiesen, dass die Entstehungsgeschichte der Kirche wesentlich weiter zurückreicht, als man auf Grund des sichtbaren Mauerwerkes vermuten könnte. So fand man längliche, von Ost nach West ausgerichtete Fragmente eines Holzbauwerkes, auf dessen Westseite Grabstätten lagen. Diese Gebäudereste stammen aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts oder spätestens vom Beginn des 13. Jahrhunderts. Da nur sehr wenige Überreste erhalten sind, lässt es sich schwer sagen, welche Gestalt das Bauwerk besessen haben könnte. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass es sich um eine Kirche handelt. In diesem Falle wäre es aber der erste und einzig sichere Hinweis auf die Existenz eines christlichen Kirchengebäudes auf dem Gebiet Estlands, das aus der Zeit vor den Eroberungen des 13. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Christianisierungswelle stammt.

Der Kirchenbau wurde im Chorbereich begonnen. Dieser war genau so breit wie der jetzige Altarraum, lief aber gerade aus. Umfassende Bautätigkeiten begannen offensichtlich am Ende des 13. Jahrhunderts. Dabei ging man auch zu neuen Fundamentlegungsverfahren über. Die Tartuer Unterstadt steht auf sumpfigem Untergrund. Um den Grundmauern nun eine höhere Festigkeit zu verleihen, wurden diese auf floßartige Holzunterlagen gesetzt. Augenscheinlich begann man den Bau mit dem Turm und der sich daran anschließenden Westwand als dem massivsten Teil des gesamten Bauwerkes, projektierte zugleich das Langhaus und schuf die entsprechenden Fundamente. Doch als man die Säulen des Hauptschiffes zu bauen begann, erfolgte eine größere Planungsänderung. Offensichtlich plante man anfangs einen ziemlich engen Hauptbogen, der den Chorraum vom Gemeinderaum abrupt getrennt hätte. Jetzt wollte man hingegen einen offeneren Hauptbogen bauen, musste aber dafür aber auch das Mittelschiff erweitern. Da aber die Ausmaße des Schiffes im Westteil durch den zumindest schon teilweise fertig gestellten Turm festgelegt waren, gestaltete man das Kirchenschiff auf eine ungewöhnliche Weise - sich nach Osten hin öffnend. Das zog natürlich zwangsläufig auch Modifizierungen an den Fundamenten nach sich. Die ständigen Änderungen und Anpassungen an den jeweiligen Zeitgeschmack manifestieren sich auch in der Entwicklung der Ziegelformen: Während man in den älteren Teilen des Langhauses abgeschrägte Kanten als Verzierungen sieht, so treten bereits an den Pfeilern und an den Fenstern der Längswände stattdessen Wülste auf, die an Birnenstücke erinnern. Anfangs, noch während des Baus der Pfeiler und Längswände, wollte man offensichtlich eine Hallenkirche errichten. Danach aber wurden die Pläne erneut abgeändert und das Kirchenschiff erhielt die weitaus repräsentativere Basilikaform.

Im äußeren Erscheinungsbild der erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts fertig gestellten Kirche dominiert der mächtige Turm (dessen oberer Teil wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert stammt). Das Westportal wird von einem Ziergiebel gekrönt – einem Baldachin, in dessen Nischen sich 15 Figuren befinden. Die mittlere davon, der Thronende Christus (Nachbildung aus dem 20. Jahrhundert) wird von Maria, dem Täufer Johannes sowie den zwölf Aposteln umgeben. Es handelt sich dabei um eine auf das Jüngste Gericht verweisende so genannte Deesisgruppe. Die Spitze des Baldachins schneidet sich mit dem vierteiligen Maßwerk des Hauptfrieses, welches sich im oberen Teil der Seitenschiffe fortsetzt. Weiter oben befindet sich an der Turmfassade ein Halbfigurenfries und markiert die damalige Höhe und Gestalt des Mittelschiffes.

Am reichhaltigsten wurde aber das Interieur gestaltet, vor allem im Mittelschiff. Erhalten sind davon leider nur Überreste. An den vierkantigen Säulen befand sich unter Baldachinen eine Reihe von Figuren, von welchen heute lediglich große abgehauene Ziegelböcke zeugen. An den Säulenkapitellen sah man Pflanzenmotive und heraldische Lilienornamente und daneben zahlreiche verschiedenartige phantastische Vogeldrachenmotive. Auf den Kapitellen befand sich eine weitere Reihe von Figuren, diesmal sitzende, die ebenfalls völlig zerstört wurden. In ganz besonderer Weise ist die sich anschließende Zone an der Oberwand zwischen den Arkaden und dem Lichtgaden gestaltet. Diese werden von einer Reihe Nischen vereinigt (in jeder Wölbung drei) und bilden so die Illusion eines Triforiums, unter dessen Baldachinen wiederum Figuren sitzen, deren mittlere Krone und Zepter tragen. Diese in der gesamten Gotik äußerst seltene Gestaltung der Oberwand findet sich erst in England wieder.

In der Gestaltung der Stirnwände des Mittelschiffes nahmen die Skulpturen ebenfalls einen wichtigen Platz ein. Auf der Westseite befindet sich an der hohen Bogenöffnung des Turmes in einer Nische der Thronende Christus – Majestas Domini, dem sechs weitere Heiligenfiguren zugesellt sind. An der Ostwand befinden sich am Hauptbogen ein Halbfigurenfries und eine lebensgroße Kruzifixgruppe, die man dort aufstellte, wo sie bei der geplanten Basilikaform am besten zur Geltung kommen würden. In den Seitenschiffen wurde die Architektur von kleineren Säulenfiguren und Gewölbekonsolen mit plastischem Dekor ergänzt. Auf den Schlusssteinen der Kreuzrippengewölbe des Langhauses befanden sich Christus- sowie Evangelistensymbole.

Wesentlich zurückhaltender ist der Chor gestaltet. Möglicherweise waren hier in Estland die Rippen ausnahmsweise mit Blumendekors versehen. Gut erhalten sind die Gewölbe der Sakristei, auf deren Schlusssteinen wir Maria (Rose) und Christus (Lamm Gottes) symbolisiert sehen. Die Lübecker Kapelle hat ebenfalls einen komplizierten Entwicklungsweg durchlaufen, als dessen Ergebnis ein Raum mit zwei Gewölben und einem polygonalen Endstück entstand, welcher durch ein großes Persepktivportal mit dem Langhaus verbunden war.

Die neuere Geschichte der Jaani-Kirche wird leider von Zerstörungen geprägt. Ernsthaft gelitten hat die Kirche 1708 im Nordischen Krieg, als die abziehenden russischen Streitkräfte die Stadt systematisch sprengten. Offenbar stürzte der obere Teil des Turmes auf das Kirchenschiff, wodurch das Mittelschiff und der Chorraum zerstört wurden. Zur notdürftigen Wiederherstellung der Kirche baute man das Mittelschiff flacher wieder auf, erhöhte aber die Chorwände um über beide Gebäudeteile ein gemeinsames Dach zu bringen. Folglich war vor allem das Aussehen der Südseite verändert, an der man übrigens schon im 17. Jahrhundert begonnen hatte, die Lübecker Kapelle zu rekonstruieren. Nun errichtete man auch mehrere Begräbniskapellen. Die des Chr. W. von Münnich baute man 1746 in die westliche Wölbung der Lübecker Kapelle und fügte dort ein neobarockes Portal ein. Nach 1769 baute man auf der Südseite des Turmes die Begräbniskapelle für Ernst von Münnich.

1820 bis 1830 rekonstruierte wurde der Innenraum der Kirche nach Plänen von G.F.W. Geist teilweise rekonstruiert, wobei man versuchte, den Raum nach dem Vorbild eines antiken Tempels zu gestalten. Dies stellte den vielleicht schwersten Schlag gegen das Bauwerk in seiner gesamten Geschichte dar. Bis zu jener Zeit war die Mehrzahl der Innenskulpturen erhalten geblieben. Sie passten jedoch nicht in den klassizistischen Formenkanon und wurden zum Großteil entfernt. Es blieben nur die Figuren erhalten, die sich leicht zumauern oder überputzen ließen.

Ab 1899 rekonstruierte man die Kirchenfassade unter Leitung des Rigaer Architekten W. Bockslaff. Man entfernte dabei den Putz von den Wänden und ans Tageslicht kamen die Außenskulpturen. Man stellte die einheitliche Verfugung der Außenwände wieder her und ersetzte die zerstörten Baudetails und Skulpturen. Verständlicherweise stützte sich die damalige Restaurierungspraxis keinesfalls immer auf genaue Untersuchungen des Originalzustandes und so wurde teilweise recht frei gestaltet. Nach der Wiederherstellung der Fassade plante man auch die Restaurierung der Innenräume, doch diese Pläne wurden vom Ersten Weltkrieg durchkreuzt. In der beschriebenen Gestalt bleib die Kirche bis zum Zweiten Weltkrieg erhalten. Beim Angriff der Sowjetstreitkräfte 1944 brannte auch die Jaani-Kirche aus.

Kaur Alttoa

 


Wichtige Daten aus der Geschichte der Tartuer Johanneskirche
(Jaani-Kirche)

Ende des XII. Jahrhunderts / Beginn des XIII. Jahrhunderts

Fragmente aus dieser Zeit weisen auf die Existenz eines Gebäude an gleicher Stelle, bei dem es sich offensichtlich um eine Kirche gehandelt hat.

1323

Erste Angaben zur Kirche oder der Existenz einer Kirchgemeinde.

1708

Bei der Sprengung Tartus im Nordischen Krieg werden der obere Teil des Turmes, das Hauptschiff und die Gewölbe des Chorraumes zerstört.

1820-1830

Das Innere der Kirche wird nach Plänen des Architekten G.F.W. Geist nach dem Vorbild eines antiken Tempels rekonstruiert. Die meisten Skulpturen aus dem Innenraum werden zerstört, die wenigen verbleibenden zugemauert oder überputzt.

1899-1904

Die Kirchenfassade wird unter der Leitung des Rigaer Architekten W. Bockslaff restauriert. Die Außenskulpturen werden von ihrer Putzschicht befreit und die zerstörten werden zum Teil durch Kopien ersetzt.

1944

Die Kirche brennt beim Einmarsch der Sowjettruppen aus.

1952

Die Nordwand des Mittelschiffes stürzt ein.

1989

Die polnische Firma PKZ beginnt mit dem Wiederaufbau der Kirche; ab 1991 setzt die estnische Baufirma Wunibald Ehitus die Arbeiten fort.

1997

Neugründung der evangelischen Jaani-Kirchgemeinde zu Tartu. Der erste Gottesdienst wird Weihnachten 1997 gefeiert.

1999

Der Kirchturm bekommt einen neuen Helm und zwei neue Bronzeglocken.

2002

Die Bauarbeiten werden von der Baufirma Rand & Tuulberg mit dem Ziel fortgesetzt, die Aufbauarbeiten bis Dezember 2004 zu beenden.

2003

Das von der deutschen Firma Mahr projektierte und gefertigte Heizungssystem wird eingebaut.

2004

Im Januar werden die ersten Kirchenfenster eingesetzt. Es wird begonnen, den Fußboden mit roten Bodenplatten auszulegen.